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Claus Jacobi: „Wir Müssen Die Menschen Wieder In Den Arm Nehmen Können“

Claus Jacobi: „Wir müssen die Menschen wieder in den Arm nehmen können“

„Wir müssen dahin zurückkommen, dass sich die Menschen wieder die Hand geben. Sie dürfen keine Angst mehr davor haben, sich gegenseitig in den Arm zu nehmen, weil sie einander trösten oder Freude teilen wollen. Körperliche Kontakte müssen wieder normal sein. Das ist ein politisches Ziel“, sagt Claus Jacobi. Ein Jahr nachdem Corona kam, gibt Gevelsbergs Bürgermeister ein ganz persönliches Interview über die Pandemie, die Folgen und die Lehren, die man daraus ziehen sollte.

Frage: Kannst Du Dich noch daran erinnern, wie Du zum ersten Mal von Corona erfahren hast?
Claus Jacobi: Das weiß ich noch genau. Daniela, die Frau an meiner Seite, hat eine Freundin, die aus China stammt. Unsere Kinder spielen zusammen. Die Freundin sprach Anfang des vergangenen Jahres von einem „komischen Virus“, der in ihrer alten Heimat ausgebrochen sei. Ich hielt das bei diesem Gespräch für eine Infektionskrankheit wie SARS und war eigentlich überzeugt, dass wir das Virus schnell in den Griff bekommen. Wir haben in Gevelsberg noch Karneval gefeiert. Ende Februar bin ich mit meiner Familie für wenige Tage nach England gefahren. Wenn ich mit dem Rathaus Kontakt hatte, dann ging es um die bevorstehende Schließung der Knochenmühle, nicht um Corona. Und doch hat einer aus unserer Reisegruppe damals schon gesagt: „Ende des Jahres wird nichts mehr so sein, wie es war.“

Dann ging alles sehr schnell?
Die ersten Gevelsberger mussten in Quarantäne. Wir warteten am Telefon voller Sorgen auf ihre Testergebnisse. Die ersten Fälle waren noch negativ. Am 15. März des vergangenen Jahres wurde dann der erste positive Befund in Gevelsberg gemeldet. Eine Frau war erkrankt. Dann kam der Lockdown. Die Stadt war auf einmal schauerlich leer. Die Realität bei uns hatte sich verändert. Damals hoffte ich, wie die meisten anderen auch: Da müssen wir jetzt ein Quartal durch und dann geht es wieder nach oben. Das war, wie wir heute wissen, nicht so.

Kann sich eigentlich eine Stadt auf die Ankunft einer Pandemie vorbereiten?
Das haben wir getan, das mussten wir tun. Die Realität des Umgangs miteinander wurde verändert. In wenigen Tagen haben wir die Digitalisierung der Kommunikationswege des Rathauses auf eine Basis gebracht, die wir in normalen Zeiten sicherlich nicht in drei Jahren erreicht hätten. Es blieb keine Zeit mehr, darüber zu diskutieren. Wir haben die Wechselschicht in wichtigen Positionen der Stadtverwaltung genauso wie Home-Office eingeführt. Den unkontrollierten Zugang zum Rathaus gab es nicht mehr. Notfallpläne wurden aufgestellt, auch für unsere Schulen. Der Rettungsdienst wurde räumlich von der Feuerwehr getrennt, weil Sanitäter zwangsläufig mit Corona-Infizierten in Kontakt kommen müssen.

Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen wird es Corona-Fälle auch in der Gevelsberger Stadtverwaltung gegeben haben?
Es waren insgesamt etwa zehn Fälle. Der prominenteste davon war sicherlich unser Stadtkämmerer Andreas Saßenscheidt.

Seine Erkrankung war auch die Ursache für Deine Quarantäne? Du arbeitest als Bürgermeister schließlich eng mit dem Kämmerer zusammen.
Ja, unsere Familie musste einen Urlaub in Südtirol abbrechen und wieder nach Hause fahren – ohne Zwischenübernachtung, wobei Daniela und ich eigentlich den Grundsatz haben, nicht mehr als 500 Kilometer an einem Tag unterwegs zu sein.

Ist durch Deine persönliche Situation Corona und die Folgen näher an Dich herangekommen?
Wenn das Testmobil vor Deiner Haustür hält, ein Mensch in einem Ganzkörper-Schutzanzug aussteigt, dir Wattestäbchen für den Abstrich in Mund und Nase reicht und dann ganz schnell wieder drei Schritte zurück geht, dann denkt man schon mehr über die Situation, in der wir sind, nach. Daneben habe ich festgestellt, dass die Menschen zwischen Quarantäne und Erkrankung nicht unterscheiden. Die meisten Leute, mit denen ich mich heute unterhalte, meinen, ich sei an Corona erkrankt gewesen.

Du bist ein Politiker, der den Kontakt zu den Menschen nicht nur sucht, sondern ihn auch braucht. In Corona-Zeiten ist das Schwimmen in der Menge nicht möglich. Wie gehst Du damit um?
Im wahrsten Sinne des Wortes: Ich gehe – extrem viel zu Fuß. Ich gehe die Mittelstraße rauf und runter und begegne Menschen. Ich spreche intensiv mit ihnen, geschützt und mit dem entsprechenden Abstand, versteht sich. Ich gehe auch einkaufen, obwohl wir das in unserer Familie sicherlich anders organisieren könnten.

Ist der Bürgermeister von Gevelsberg in diesen Zeiten auch zum Kummerkasten der Bürger und Mitarbeiter geworden?
Das kann ich wirklich nicht sagen. Die Menschen bei uns neigen nicht zum Selbstmitleid. Aber natürlich gibt mir zu denken, wenn ein Schuhhändler zu mir sagt, dass er besorgt ist, wenn Discounter immer mehr Schuhe anbieten und das auch dürfen, während er seinen Laden nicht öffnen kann. Ich gehörte vor einigen Tagen zu den ausgewählten Teilnehmern einer Videokonferenz mit Thomas Kutschaty, dem Fraktionsvorsitzenden der SPD-Landtagsfraktion in Düsseldorf. Dabei habe ich darauf gedrängt, dass Einzelhändler und Gastronomen eine Verlässlichkeit, eine transparente Nachvollziehbarkeit brauchen, wie es in Corona-Zeiten für sie weitergehen wird. Kutschaty und sein Stellvertreter Christian Dahm haben mir versichert, dass sie sich dafür einsetzen werden.

Mit der bundesweit inzwischen bekannt gewordenen Gevelsberger Erklärung hat die Stadt auf die ruinöse Situation im Gastgewerbe hingewiesen. Was ist von dieser Erklärung geblieben?
Sicherlich war die Gevelsberger Erklärung und die Kreise, die sie gezogen hat, ein Grund dafür, dass die Gastronomen eine Ausgleichszahlung für den entgangenen Umsatz von der Bundesregierung erhalten sollen. Bedauerlich ist natürlich, dass das Geld noch nicht angekommen ist. Und ganz praktisch gesagt: Wenn es die Verhältnisse zulassen sollten, werden wir die Mittelstraße auch in diesem Sommer wieder für die Wirte öffnen.

Bremst die Pandemie Gevelsbergs Weg in die Zukunft aus?
Wir geben die Zukunftsthemen nicht aus der Hand. Schau‘ Dich doch einmal um, was sich alles tut. Der Vendômer Platz wird umgebaut, der Radweg von Gevelsberg nach Schwelm ist in Angriff genommen worden, wir haben im Sommer ein neues Freibad, die Feuerwehr zieht in den ersehnten Neubau, der Schulentwicklungsplan läuft planmäßig weiter. Ich kann Dir sicherlich noch 30 andere Projekte nennen, die in Richtung Zukunft vorangetrieben werden. Und das alles mit einer großen Dynamik. Bei einigen Vorhaben habe ich dann aber lieber ein wenig auf die Bremse getreten.

Zum Beispiel und wieso?
Bei den Planungen für das Rupprecht-Haus, das die Stadt gekauft hat. Da will ich warten, bis ich wieder Auge in Auge mit den Bürgern über die Konzepte und Pläne diskutieren kann. Denen möchte ich nicht sagen: Das habe ich für Euch eben so einmal entschieden. Aber eins ist auch klar: Wenn die Einschränkungen durch die Pandemie noch viel länger dauern werden, dann müssen wir digitale Wege finden, um die Bürgerbeteiligung möglich zu machen.

Was für Konsequenzen müssen wir aus der Corona-Krise ziehen?
Wir müssen zurück zur alten Wirklichkeit. Ich habe nichts dagegen, wenn der Bürgermeister von Gevelsberg nicht mehr für eine Kurzbesprechung durch das halbe Land nach Köln, Düsseldorf oder Köln fahren muss. Heute ist es für uns normal geworden, dass der Verwaltungsvorstand der Stadt jeden Montag per Bildschirmkonferenz tagt. Aber, wir müssen uns auch ein Bild von den Menschen machen können, mit denen wir leben, arbeiten, verhandeln oder feiern. Das können wir nicht per Monitor. Da bekommen wir einen falschen Eindruck. Ganz banal gesagt: Wir müssen auch die Leichtigkeit eines Frühlingstages wieder spüren können. Wir müssen uns auf die Kirmes wieder freuen dürfen. Wir dürfen uns nicht damit abfinden, dass die Menschen sich nicht mehr die Hand geben oder in den Arm nehmen dürfen.

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