
Rupprecht-Haus: „Eine großartige städtebauliche Chance“
Die SPD-Fraktionsvorsitzende Christina Bösken beantwortet die wesentlichen Fragen zur Entwicklung des Rupprecht-Hauses im Interview.
Wie beurteilen Sie die inhaltlichen Pläne zur Entwicklung des Rupprechthauses mit Blick auf die Läden und Institutionen, die dort bald angesiedelt werden sollen? Hatten beziehungsweise haben Sie alternative Vorschläge? Wenn ja, welchen sind das?
Christina Bösken: Das Thema Rupprecht-Haus beschäftigt die SPD-Fraktion (sowie alle übrigen Ratsfraktionen) nun schon mehr als zehn Jahre. Als die damaligen Eigentümer das Gebäudes veräußern wollten, stand die Stadt Gevelsberg vor der Frage, das Gebäude entweder selbst zu erwerben oder aber abzuwarten, ob irgendein privater Investor die Immobilie erwerben würde. Damals stand die große Frage im Raum, mit welchem Konzept ein möglicher Erwerber die Immobilie überhaupt entwickeln würde und natürlich schwang die Angst mit, dass es wie viele ähnliche, leerstehende innerstädtische Problemimmobilien lediglich als Abschreibungsobjekt genutzt werden könnte. Aufgrund solcher Erfahrungen mit ähnlichen Immobilien in vielen Städten NRWs hatte die SPD-Fraktion hier die berechtigte Sorge um eine sog. „Schrottimmobilie“ in zentralster Lage unserer Heimatstadt. Nach gründlicher Überlegung war klar, dass die SPD-Fraktion den Erwerb und somit den Gestaltungsspielraum für die Immobilie bei der Stadt sieht.
Insbesondere vor dem Hintergrund, dass sich die in der Bürgerschaft äußerst beliebten und unverzichtbaren Bildungseinrichtungen Musikschule und Bücherei aktuell in Gebäuden befinden, die in keiner Weise mehr den energetischen und erst Recht nicht barrierefreien Anforderungen an solche Räumlichkeiten entsprechen, war klar, dass in deren Verortung im Rupprecht-Gebäude eine großartige städtebauliche Chance liegt, zumal die damit verbundene Grundfrequenz zusätzlich stärkend auf die City wirkt.
Anmerken möchten wir in diesem Zusammenhang, dass Bibliotheken im digitalen Zeitalter keineswegs „obsolet“ sind, sondern als sog. „Dritte Orte“ ein landesweites Comeback feiern (Beispiel: Köln). Gevelsberg liegt somit mit seiner Planung voll im Trend und es wäre eine politische Ohrfeige für die engagierte Leitung unserer Bücherei und ihr großes gesellschaftliches, ehrenamtliches Netzwerk, wenn man die Berechtigung unserer Stadtbibliothek mit solch dünnen Argumenten in Frage stellen würde.

Aber auch mit weiteren Nutzungseinheiten im Rupprecht-Gebäude haben wir uns intensiv auseinandergesetzt. So wurde im Dezember 2023 die Errichtung eines Familienbüros auf Gevelsberger Stadtgebiet beschlossen und als Ort für diese Einrichtung ebenfalls das Rupprecht-Haus vorgeschlagen. In der Ratssitzung im Juli 2024 wurde schließlich das finale Nutzungskonzept für das Gebäude mit einem detaillierten Raumkonzept von allen im Rat vertretenden Fraktionen einstimmig beschlossen. Dies war Voraussetzung für den dann ausgelobten europaweiten Architektenwettbewerb, der in gleicher Sitzung einstimmig beschlossen wurde.
Hierbei wurde zudem noch eine weitere Nutzungseinheit für das Objekt aufgenommen, was die bis dahin in der Planung noch ungenutzten sehr großen Kellerflächen des ehemaligen Kaufhauses betrifft. Aufgrund der zunehmenden Digitalisierung besteht die Erforderlichkeit, das Stadtarchiv zu vergrößern, da in den nächsten Jahren damit zu rechnen ist, dass ein Großteil der Verwaltungsakten digitalisiert und dann die Papierakten dem Archiv zur Verwahrung übergeben werden. Darüber hinaus herrschen mittlerweile erweiterte Anforderungen an Archive, denen in den aktuellen Räumlichkeiten nicht Rechnung getragen werden kann, denn entsprechende Erweiterungsmöglichkeiten sind am aktuellen Standort an der Grundschule Vogelsang nicht vorhanden. Schließlich besteht für die Grundschule aufgrund des OGS-Rechtsanspruches weiterer Raumbedarf. Durch die Einbeziehung des Stadtarchives in das Raum- und Nutzungskonzept des Rupprecht-Gebäudes können so untergenutzte Flächen im ehemaligen Kaufhaus in Wert gesetzt und Raumkapazitäten für den OGS Ausbau am Standort der Grundschule Vogelsang geschaffen werden. Zudem profitiert der ebenfalls im Rupprecht-Haus unterzubringende Heimatverein von der räumlichen Nähe zum Stadtarchiv.
Die Planungen zum Umbau des Rupprecht-Kaufhauses werden von der SPD-Fraktion in jeder Hinsicht positiv gewertet. Im Rahmen des Planungsprozesses sind aufgrund von Anregungen aus Politik, Verwaltung oder der Bürgerschaft immer wieder Anpassungen vorgenommen worden, was zu einem schlüssigen Gesamtkonzept geführt hat. Dieses wurde einstimmig im Jahr 2024 beschlossen. Alle weiteren konkreten Planungen basieren auf dem Gesamtkonzept. Dieses nun zu hinterfragen und ggf. sogar in Frage zu stellen, schadet dem Prozess und wird nur zu unnötigen Kostensteigerungen führen.
Was wäre Ihre Wunschvorstellung für diese Immobilie/dieses Grundstück?
Christina Bösken: Das einstimmig beschlossene und von der beteiligten Bürgerschaft breit getragene Konzept für das Gebäude spiegelt die Wunschvorstellung der SPD wider.
Wie bewerten Sie das finanzielle Volumen, das dort investiert werden soll vor dem Hintergrund der schwierigen kommunalen Haushaltslage in der Stadt Gevelsberg?
Christina Bösken: Wir haben unseren Bürgermeister und die Stadtverwaltung bisher immer so erlebt, dass die Finanzierungen risikogerecht ausgestaltet wurden, um Chancen zur städtebaulichen Entwicklung nicht verstreichen zu lassen. Das Vertrauen dazu haben wir auch bei diesem bedeutsamen Schritt. Die Verwaltung hat in den vergangenen Jahren stets alle ihr vom Rat übertragenen Aufgaben in den jeweiligen Haushaltsplänen überaus verantwortungsvoll abgebildet. Wir vertrauen darauf, dass sie dies auch weiterhin tut und bei Realisierungsproblemen eine entsprechende Rückmeldung an die Gremien erfolgt.
Darüber hinaus sind z. B., wie in Ihrem Kommentar aufgeführt, die Kosten für eine neue Feuerwache, geplant im Jahr 2019, selbstredend nicht vergleichbar mit den heutigen Baukosten, nachdem in den vergangenen Jahren der Baupreisindex massiv gestiegen ist. Gründe hierfür liegen bekanntermaßen in der Corona-Krise, dem Ukraine-Krieg sowie der daraus resultierenden Inflation. Zudem handelt es sich bei einer Feuerwache um einen reinen Zweckbau und nicht um ein multifunktionales Gebäude mit unterschiedlichsten Nutzungseinheiten. Insofern ist das natürlich ein hohes finanzielles Volumen, welches jedoch aus der Sicht der SPD-Fraktion in die Zukunft unserer Stadt, insbesondere die Bildung unserer nachfolgenden Generation investiert wird. Die Wirtschaftlichkeit des Objektes wurde bereits in vielen Ratsvorlagen betrachtet und die Politik darüber ausführlich informiert. Es war und ist klar, dass auch für die Sanierung von Musikschule und Bücherei an anderer Stelle ein hoher finanzieller Betrag aufgewendet werden müsste. Im Rahmen einer Wirtschaftlichkeitsuntersuchung hat die Verwaltung vor dem Grundsatzbeschluss zum Ausbau unterschiedliche Szenarien miteinander verglichen:
- Die Sanierung im Bestand,
- den Neubau zweier Einrichtungen auf der „grünen Wiese“
- oder Abriss und Neubau an gleicher Stelle.
Die Ergebnisse wurden dem Rat im Rahmen des Grundsatzbeschlusses mit der DS Nr. 047/204 am 04.07.2024 vorgestellt. Dabei zeigte sich, dass der Umbau des Bestandsgebäudes die wirtschaftlichste Alternative darstellt.
Hierbei war im Übrigen noch nicht berücksichtigt, dass die aktuelle Planung auch vorsieht, das Stadtarchiv ebenfalls im Rupprechtgebäude zu verorten. Hierdurch wird den besonderen Anforderungen an Archive Rechnung getragen und durch den Wegzug von der GS Vogelsang der Grundschule die Möglichkeit gegeben,den OGS-Rechtsanspruch sicherzustellen. Durch die Verortung der dritten Einrichtung stellt sich diese Variante noch wirtschaftlicher dar, als vom Gutachter berechnet. Neben den wirtschaftlichen Vorteilen stellt der Umbau im Bestand auch einen ökologischen Mehrwert dar, da hierdurch sog. „graue Energie“ des Bestandsgebäudes erhalten und ein Beitrag zum umweltfreundlichen Bauen geleistet werden kann.
Außerdem ist darauf hinzuweisen, dass in Ihrer Berichterstattung die Einsparungen durch die Aufgabe verschiedenster Nutzungseinheiten überhaupt nicht einbezogen wird und ein Hinweis auf die, auch Ihnen bekannte Wirtschaftlichkeitsberechnung vollkommen unberücksichtigt bleibt. Insbesondere ist zu berücksichtigen, dass weder das heutige, sehr marode Musikschulgebäude noch die Bücherei an der Wittener Straße im Bestand saniert werden könnten, mit der Folge, dass die Einrichtungen entweder lange geschlossen blieben oder an anderer Stelle erst neu geschaffen werden müssten. Die Kosten all dieser halbherzigen Schritte hin zu einer neuen Musikschule bzw. Bücherei wären immens, sodass diese Beträge besser gleich ins Rupprecht-Haus fließen sollten, wodurch gleichzeitig ein städtebaulicher Schandfleck in der Innenstadt verschwindet.
Kurz gesagt: Die aktuelle Planung schlägt gleich viele Fliegen mit einer Klappe und ist deswegen trotz hoher Kosten wirtschaftlich.
Wie ist aus Ihrer Sicht der Prozess während der vergangenen Jahre gelaufen von der Entscheidung an, dass die Stadt die Immobilie erwirbt?
Christina Bösken: Der Erwerb des Gebäudes zeigte sich im Nachhinein als wahrer „Glücksgriff“, da sich die Stadt Gevelsberg nur kurze Zeit später aufgrund des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine vor einer immensen Herausforderung bei der Unterbringung geflüchteter Menschen befand. Anders als in Nachbarkommunen mussten keine kostspieligen Containerlösungen realisiert werden, die Unterbringung konnte in den Obergeschossen des ehemaligen Kaufhauses erfolgen. Über zahlreiche Vorlagen angefangen von der Ausarbeitung des IEHKs Gevelsberg 2030 aus dem Jahr 2016 bis zum letzten Beschluss aus Dezember 2025 zur Entwurfsplanung wurden die politischen Ratsfraktionen in den gesamten Prozess vorbildlich eingebunden und ausreichend informiert.
Wie haben Sie für das Vorhaben abgestimmt und aus welchem Grund?
Christina Bösken: Die SPD hat das gesamte Vorhaben positiv begleitet, sich aktiv in den Gesamtprozess eingebracht und so folgerichtig, wie auch in unseren Wahlprogrammen aus den Jahren 2020 und 2025 postuliert, für das Vorhaben gestimmt.

Welche Impulse haben Sie im Laufe des demokratischen Diskussionsprozesses gesetzt und wie sind diese aufgenommen worden?
Christina Bösken: Im gesamten Prozess zur Umnutzung des Kaufhauses haben zahlreiche Partizipationsprozesse stattgefunden: Mit einbezogen wurden hier nicht nur alle Ratsfraktionen, sondern insbesondere auch die Bürgerinnen und Bürger. Durch verschiedene Formate, von Onlinebefragung mit ca. 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, über Planungsworkshops im Gebäude mit ca. 80 Interessierten, Workshops mit ProCity sowie Kinderworkshops sind so zahlreiche Zielgruppen angesprochen und beteiligt worden. Hervorzuheben ist, dass die Verwaltung daraufhin die Wünsche der Bürgerinnen und Bürger und der politischen Fraktionen, wann immer möglich, mit in den Prozess und Finalentwurf eingebracht hat. So sind bspw. die Wünsche einer „Rooftop-Bar“, einer zweiten Einzelhandelseinheit im Erdgeschoss oder die Unterbringung der Heimatstube im Objekt in der aktuellen Planung berücksichtigt worden. Die Wünsche der Bürgerinnen und Bürger sowie aller beteiligter Ratsfraktionen hier als „kreativlos“ zu bezeichnen, stellt sich für uns überaus fraglich dar.
Der ausgelobte Architekten-Wettbewerb mit Anregungen zur Gestaltung aus Politik und Verwaltung war ein wichtiger und richtiger Beteiligungsprozess sowohl für die Bürgerschaft, die von Anfang an beteiligt wurde und wichtige Impulse für die Ausgestaltung geliefert hat, als auch die Vertreter der Institutionen wie Musikschule, Stadtarchiv, Familienbüro und Bücherei.
Hervorzuheben ist abschließend, dass der gesamte Prozess rund um die Entwicklung des Rupprecht-Hauses seit nunmehr über zehn Jahren durch entsprechende Ratsbeschlüsse begleitet wird. Hierbei sind im Übrigen sehr häufig auch einstimmige Beschlussfassungen in den Ratsgremien erfolgt. Darüber hinaus erfolgte in regelmäßigen Abständen durch die Verwaltung eine Mitteilung zum Sachstand des IEHK.
Wie muss aus Ihrer Sicht nun das weitere Vorgehen sein?
Christina Bösken: Aus Sicht der SPD-Fraktion ist es geboten, vor allem auch vor dem Hintergrund möglicher weiterer Baupreissteigerungen, das Projekt schnellstmöglich in die Realisierung zu bringen, indem zeitnah auf Grundlage der im Dezember beschlossenen Entwurfsplanung die Genehmigungsplanung (Bauanträge) erreicht wird. Ein weiteres Zerreden des Projektes führt nur zu nicht notwendigen Kostensteigerungen. Die Politik hatte in den letzten Jahren durchgehend die Möglichkeit, Einfluss auf die Ausgestaltung zu nehmen und hat davon auch Gebrauch gemacht. Eine Änderung des jetzigen Konzeptes nach Durchführung des europaweiten Wettbewerbs, Beitrittsbeschluss des Rates und Beauftragung aller relevanten Planungsbüros ist nicht zielführend und schadet dem gesamten Stadtumbaugebiet Gevelsberg – Zentrum.
Wie beurteilen Sie die Rolle der Stadtverwaltung und von Bürgermeister Claus Jacobi bei der Entwicklung der Pläne sowie der politischen Entscheidungsfindung hin zu der jetzigen Lösung?
Christina Bösken: Wie bereits in den Beantwortungen zu den vorangegangenen Fragen dargestellt, hat die Stadtverwaltung in den letzten Jahren den Rat über zahlreiche Vorlagen, Vorträge und Beschlussfassungen in das Projekt eingebunden, sodass der Rat als demokratische gewähltes Vertretungsorgan in regelmäßigen Abständen alle wesentlichen, wegweisenden Entscheidungen zum Vorhaben treffen konnte. Wie bereits dargestellt, wurde neben Ratsvorlagen auch in nahezu jeder Ratssitzung eine Mitteilung zum Fortgang des IEHK Gevelsberg Zentrum 2030 durch den Bürgermeister bzw. die Verwaltung gegeben, so dass alle interessierten Bürgerinnen und Bürger sowie die politisch gewählten Vertreter ausreichend Möglichkeit hatten, sich ein umfangreiches Bild von dem Projekt zu machen. Die Kritik der Oppositionsparteien wird insofern als befremdlich aufgenommen, als sie bei vergangenen Abstimmungen nicht selten mit „Zustimmung“ votiert haben und stets betonten, das Vorhaben konstruktiv begleiten zu wollen. Kritische Äußerungen sind als konstruktive Beiträge und Impulse selbstverständlich nach wie vor willkommen, Anträge zu einem Stopp des Vorhabens zum jetzigen Zeitpunkt sind jedoch vollkommen verfehlt und destruktiv. Wenn, dann hätten solche Forderungen vor drei Jahren postuliert werden müssen, als alle Kräfte des Rates gemeinsam einen einstimmigen Grundsatzbeschluss zum Projekt gefasst haben! Jetzt auszusteigen, würde bedeuten, weit über zehn Millionen Euro für nichts aufgewandt zu haben und einen mindestens ebenso hohen Betrag an möglichen Fördergeldern zu gefährden! Daher unterstützen wir unseren Bürgermeister und seine hervorragend aufgestellte Fachverwaltung dabei, das Projekt jetzt so schnell wie möglich aufs Gleis zu setzen.
